Abenteuer Istanbul Woche 3/13 – Dolmabahce, Kuzguncuk und ein Anschlag

Der Kühlschrank ist voll, denn immer Donnerstag ist Markt. Ein Markt für Kram und Dings, aber vor allem Obst und Gemüse. Ich kaufe ein und übe Zahlen. Ein halbes Kilo Kirschen, Äpfel, Zwiebeln, 1 Bund Rucola, Basilikum, Tomaten, Gurken (Salat, die sind hier so groß wie große Essiggurken), 2 Kilo Erdbeeren. Dazu verschiedene Oliven, etwas was aussieht wie geflochtener String Cheese aber etwas salziger schmeckt. Schafskäse in Mengen.


Freitag machen wir wieder einen Ausflug, zum Dolmabahce Palast auf dem nördlichen Ende der europäischen Seite, wir nehmen die Fähre bis Kabatas und es ist warm. Sehr warm. Der Palast? Während die großen Räume im Beylerbeyi-Palast sehr eindrucksvoll sind erschlagen die Hallen des Dolmabahce-Palasts. Der Palast ist so groß, dass man den dministrativen Teil und den Harems-Teil des „Hauses“ in zwei Führungen aufteilt. Die wir beide machen, nachdem sich die Kids zwischendurch mit den wilden Katzen ausgetobt haben. Die Handwerkskunst noch detaillierter, noch eindrucksvoller, die Räume größer und mit größeren Vasen, schöneren Teppichen ausgestattet, zumindest im repräsentativen administrativen Teil. Die „große“ Halle? So groß wie die Empfangshalle des Hamburger Rathauses mit „Sitzecken“ an allen vier Seiten. Sitzecken für 30 Leute wohlgemerkt. Und Kronleuchter aus englischem Glas, 2 Tonnen schwer. In England gefertigt, das ist dem Guide wichtig. Der Gang von einem Part zum nächsten ist 300 Meter lang, weil es zwei getrennte Führungen sind werden wir am Ende umgeleitet…in die große Reception Hall. Die Decke macht Michelangelo Konkurrenz, der Kronleuchter hier wiegt 4,5 Tonnen und die Reinigung dauert 42 Wochen, 10.000 Teile werden abgenommen. Jedenfalls wird es so erklärt. In den Füßen der massiven Säulen sind die Heizungsauslässe versteckt, es dauert vier Tage um den Raum zu Heizen. Was manchmal nötig ist, wenn die Feiertage aufgrund des Monds schon im Februar sind. Keine Frage, wenn Beylerbeyi der kleine Palast ist ist Dolmabahce eindeutig der große.


Der Harem ist übrigens nicht der Part, wo die Konkubinen wohnen, zumindest nicht in der Türkei. Es ist der Teil des Hauses, wo die Privatgemächer des Sultans, seiner Mutter, seiner Frau, deren Mutter, und der weiteren Frauen, plus Sekretäre liegen. Plus mittelgroße Reception Halls für Frau, Mutter, Sultan’s Mother und Queen Mother. Unser Guide ist eine Frau mit wenig Lust aber sehr roten Schuhen und sie schafft die 30-Minuten-Tour in 20, „from here you will walk back on your own, but as a group of course“. Wir gehen ja schon.


Samstag regnet es, außer Einkaufen und spielen passiert nicht viel, aber Sonntag geht es nach Kuzguncuk, ein Ortsteil in Bosporusnähe der toll sein soll.

Unsere Busstation Kisikli erkennen wir kaum wieder – alles ist bunt geschmückt, es wimmelt vor Ordnern und Polizei, auf Plakaten steht RTE. Tatsächlich werden auf dem Weg zur Station die Taschen angeschaut und als ich dann die Situation ein wenig für Snapchat festhalte, bittet mich Christiane das lieber zu lassen. Die Sicherheitskräfte würden das überhaupt nicht mögen und mich im Zweifel konfrontieren. Also lasse ich das, aber wir werden noch mal hierauf zurückkommen.

Erste Beobachtung in Kuzguncuk, und es ist möglich, dass ich mich wiederhole: Istanbul ist hügelig. Unfassbar hügelig.

Zweite Beobachtung: Urban. Westlich. Bunt. Hip. Ein bisschen wie die Schanze. Oder New York.

Die Kinder sind zufrieden, denn es gibt jede Menge Katzen zum „oh süß-en“, und Spielplätze und Eis.


Jedenfalls für eine Weile. Den Weg zurück finden sie mühsam, denn es ist heiß, und hügelig. Dazwischen, nachdem wir uns die Straßen und Kleingemüsegartenparzellen von Kuzguncuk erlaufen haben kehren wir ein, im Cafe Yesil Mavi. Der Blick aus der Höhe auf den Bosporus, geschützt von Bäumen und Sonnenschirmen, der Telefonnummer als WLAN-Passwort und einem eigenen Spielplatz. Vielleicht gehen wir da auch unter der Woche mal hin, zum entspannten Arbeiten. Die Kellner sind entweder neu und/oder verstehen Englisch nur so mittel, aber wir bekommen am Ende was wir wollen, Lilli mal wieder „die beste Pizza, die [sie] je gegessen hat“. Naja. Eine schöne Parallele zu einem Hochzeitsfrühstück im Pamukkale: in einer Station sitzt eine alte Dame, die die ganze Zeit Gözleme auf dem runden Stein macht. Schmeckt auch hier.


 



Der Weg zurück zum Bus ist wie gesagt mühselig, aber dann sitzen wir endlich, es ist angenehm leer und zum Glück klimatisiert. Das ist gut, denn die 30 Minuten Strecke dauert fast 90 Minuten. Warum? RTE war nicht nur auf den Postern, sondern kam zur Wiedereröffnung einer Moschee am Platz. Mit Helikopter versteht sich. Den haben wir dann noch stehen sehen, auf dem Heliport kurz vor der Bushaltestelle. Warum ist da ein Heliport? RTE hat dort eine Wohnung, wahrscheinlich ist er nach der Eröffnung einfach zu Fuß nach Hause gegangen…

Am Dienstag dann wieder ein bisschen weniger Show, mehr Realität. Kurz nach 9 Ortszeit erreicht mich Christianes FB-Nachricht, ob wir irgendwas mitbekommen hätten? Wovon, ah, ein Anschlag. Haben wir nicht. Im Internet finde ich den Ortsteil raus, wir sind weit weg. Überhaupt, die Kinder schlafen noch. Es erscheint weit weg, vor allem, weil die Tendenz Europa/Polizei/Touristisches Ziel weiter erfüllt wird. Es dauert bis die Nachricht in Deutschland ankommt, es dauert, bis Tagesschau eine Eilmeldung verschickt. Zwischenzeitlich hatte ich überlegt, einen Facebook Eintrag zu schreiben, es dann aber verworfen. Nach und nach treffen aber doch einige Rückfragen ein und ich ändere meine Meinung. Die Eltern werden informiert.


Am nächsten Morgen ist die Geschichte in der Tagesschau-App schon wieder fast raus, der Streit um RTEs Aussagen größer, ebenso der Tornado in Hamburg. Dort wurde am Sonntag übrigens jemand auf offener Straße erschossen. Gleichzeitig erklärt sich Hillary zur Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei und Cameron warnt for den Folgen eines möglichen Brexit, die Schotten könnten dann das Vereinigte Königreich verlassen wollen. Und mein Internet ist wieder kaputt.

Gestern Abend war ich im Supermarkt einkaufen, Milch, Saft, dazu die Nudeln vom Abendbrot, der Kühlschrank ist wieder voll, das ist ja in Deutschland eine anerkannte Einheit.
Iyi Günler.