Abenteuer Istanbul Woche 9/13 – Ein verschlafener Putsch, der Coup, Informationen, das Internet, Leben geht weiter

„Gibt’s was Neues?“ Das ist dieser Tage die Kernfrage immer dann, wenn einer von uns aus dem Offline in den Onlinebereich tritt. Es passiert gerade sehr viel sehr schnell in der Türkei. Und relativ wenig in unserem kleinen Gartenhaus.


Wo waren wir letzte Woche? Ach ja, Wiedafon, Frisör, Schach und Boris Johnson ist Außenminister. Christiane ist Freitag  wie normal im Büro, ich arbeite wie normal, die Kinder spielen normal. Wir essen, vermutlich Börek, gucken Gilmore Girls, sind müde und gehen ins Bett. Am nächsten Morgen ist alle anders, die folgenden paar Absätze habe ich schon mal so ähnlich auf Facebook geschrieben.

Wie man einen Putsch verschläft für/wie Anfänger

Wir haben jetzt gelesen was passiert ist und können uns äußern – zumindest dazu, wie wir das wahrgenommen haben. Zunächst die Zeitverschiebung. Ihr lest/hört gegen 22:00 oder 22:30 davon, da ist es hier eine Stunde später und wie liegen im Bett. Ich liege schon seit 21 Uhr eurer Zeit im Bett und weil das Internet wieder löchrig ist, lese ich ein Buch und bin nicht mal online.
Dann gut zu wissen: Die Bosphorus-Brücke ist knapp 10 Kilometer weg von uns, das ist ca Altona bis Rathausmarkt, inklusive Stau.

Wir schlafen mit offenem Fenster nach Asien raus, also in die andere Richtung. Gegen 3:30 Uhr werde ich wach, weil der Muezzin ruft. Das macht er immer um die Zeit, nichts besonderes. Wieder einschlafen dauert, ich höre Martinshörner, aber denke mir nix dabei, warum auch – ich weiß ja von nix. Irgendwann wieder eingeschlafen, wieder aufgewacht, wieder ruft eine laute Stimme. Komisch, der Muezzin ist eigentlich noch nicht dran, aber wie das so ist, wenn man die Sprache nicht versteht… Im Nachhinein weiß ich, dass ich auch Tiefflieger gehört habe und mich wunderte, dass die nachts fliegen dürfen… wieder eingeschlafen. In dieser ganzen Zeit nicht einmal aufs Handy geguckt, ist hier in der Türkei ja auch immer auf lautlos eingestellt, was soll nachts schon sein…

Gegen 8 Uhr aufgewacht, oh, zwei Anrufe vom Chef, Nachricht auf der Mailbox, was ist los? Erstmal Internet anmachen… Hotspot mit dem türkischen Telefon und plumps, so viele Nachrichten habe ich sonst nur an meinem Geburtstag. „Geht es euch gut?“ – Ich dreh mich um, „hast du auch …“ „ja, ich auch.“ „War ein Anschlag, haben wir was ver…“ „Putsch!“
Plötzlich bekommen die Geräusche der Nacht eine andere Bedeutung. Eine Email vom Auswärtigen Amt, wir sollen die Gebäude nicht verlassen.

Gerade hat wieder der Muezzin gerufen, normal zum Gebet. Ab und zu hören wir Krankenwagen und Polizeiwagen vorbeifahren, lesen Twitter und Nachrichtenseiten und versuchen nebenbei den Alltag aufrecht zu erhalten. Christiane chattet mit Kollegen, stimmt ab. Und, nein, wir gehen natürlich nicht wie geplant ins Museum…


Tja. Inzwischen wissen wir, dass der Muezzin quasi die ganze Nacht durch gerufen hat. Das Volk aufgefordert hat, auf die Straße zu gehen und sich den Putschisten entgegen zustellen. Und das war auch noch am Samstag so, dann kam auf der Aufruf, die ganze Woche über abends auf die Straße zu gehen. Das machen die auch, inklusive Autos/LKW die bis in die frühen Morgenstunden hupen. RTE spricht diese Woche zweimal in 1km Luftlinie von uns, an unserer Bushaltestelle Kisikli. Da hat er ja auch sein Haus. Deshalb ist die Straße gesperrt, deshalb muss Christiane diese Woche mit dem Taxi zur Fähre fahren. Wir kleben Samstag an Whatsapp und Facebook und Twitter, ich gehe einmal kurz Nudeln mit Tomatensoße kaufen. Aber erstaunlich schnell ist wieder Business as Usual. Klar, wir wohnen im konservativen asiatischen Stadtteil aber schon am Sonntag ist wirklich alles wieder wie vorher.


Jedenfalls scheint es so. Da wir kein Türkisch sprechen erfahren wir höchstens von unserer Vermieterin, wie es hinter der Fassade aussieht. Im Supermarkt und beim Kaufmann um die Ecke ist jedenfalls alles herzlich wie immer. Ab Feierabend geht’s dann los, die Leute gehen auf die Straße, jeden morgen wieder mit einer SMS dazu aufgerufen, es wird gehupt, Sirenen gehen (scheinbar darf man hier polizeiähnliche Hupen/Tonsignale haben). Wirklich jeden Abend, bis in die Nacht. Manchmal halte ich das mit Snapchat fest.

Die Kinder und ich verlassen diese Woche den Stadtteil nur einmal. Öffentliche Verkehrsmittel sind kostenlos, die Regierung dankt dem Volk damit für den Einsatz Freitagnacht. In der Gegend um den Galata-Turm ist alles wie immer, wir essen im Privato Café in einer Nebenstraße sehr lecker Frühstück/Mittag, allein die Händler scheinen noch eher bereit, sich runter zu handeln. Geschäft mitnehmen, so lange überhaupt noch Kunden da sind? Man weiß es nicht.


Information ist zurzeit das A&O, wobei hilfreiche Informationen kaum zu bekommen sind. Das Auswärtige Amt hat sich nach den zwei Mails Samstag nicht mehr gemeldet, d.h. offizieller Status Quo ist „bleiben Sie wenn möglich in ihren Unterkünften, meiden Sie öffentliche Plätze.“ Die deutschen Medien schreiben die großen Headlines von einander ab, jede mit ihrer eigenen Färbung. Fake, Putin, USA – alle sind irgendwo schuld. Es gibt Panikmacher, es gibt Laissez Faire-isten. Die türkischen Medien verstehen wir nicht, wobei eh alle staatsnah schreiben, alle anderen wurden aus dem Verkehr gezogen. Ich habe mir eine Twitter-Liste mit Korrespondenten angelegt, von denen ich glaube, dass sie mir am ehesten nützliche Infos bringen könnten, das hilft etwas, viel hören wir aus Christianes Netzwerk.

Fazit: Kannste dir nicht ausdenken…

Iyi Günler!

Karriere in Teilzeit – Eine Argumentation dafür

Ich habe nachgeschaut: Zuletzt schrieb ich über Work-Life-Balance und Karriere zwischen 2011-2013. Danach nicht mehr, vermutlich, weil ich inzwischen in einer Situation bin, wo mich das Thema nicht mehr als einschränkend berührt, sondern in einer, in der ich das Thema selber formen kann.

Wolfgang hat mich in einem aktuellen Blogeintrag auf die Causa Claudia ten Hoevel bei der Grazia hingewiesen, nebst den guten Beiträgen von „Mann beißt Hund“ Geschäftsführerin Nicola Wessinghage und Robert Franken, ehemals CEO von chefkoch.de und Vorstand urbia.de. Worum geht es? ten Hoevel ist Chefredakteurin des Gruner & Jahr Titel „Grazia“, wollte aus der Elternzeit zurückkommen und 12 Monate lang so arbeiten, dass sie mehr Zeit für ihr Kind hat. Wie viele Stunden das genau sind wird nicht ganz klar, aber es geht darum, dass sie nicht Vollzeit arbeiten will. Und um die Hypthese, dass man ein Magazin nicht leiten kann, wenn man nicht in Vollzeit arbeitet. (nicht Wolfgangs Hypothese)

Kurzer Einschub: Ich habe länger nicht über meine Work-Life-Balance geschrieben, weil ich bei AntTrail einen vollkommen tollen 32-Stunden-Vertrag habe, der mir sowohl ein ausgefülltes Berufsleben ermöglicht als auch Zeit mit meinen Kindern und für meine Hobbies bietet. Anttrail und ich hatten vereinbart, dass wir bei möglichen Agenda-Themen meine Teilzeitstelle nicht thematisieren, auch nach dem Aufstieg in die Geschäftsführung nicht, obwohl das eigentlich gut zu uns als New Work Agency passt. Denn wir verstehen die Option als Selbstverständlichkeit für alle, nicht für eine Person.

Für mich steht ohne Zweifel, dass Karriere und insbesondere Führung auch ohne eine Vollzeitstelle machbar ist. Genausowenig wie arbeiten zwingend an „im Büro auf immer dem gleichen Sessel sitzen“ gebunden ist, ist führen an „40 oder mehr Stunden im Büro erreichbar sein“ gebunden. Und hier müssen wir organisatorisch schon Unterschiede machen, denn in vielen Unternehmen bedeutet Geschäftsleitung oder Führung oder Chef-sein ja 60 Stunden in der Woche. Das gehört oft zum Guten Ton dazu. Aber es lohnt auch zu unterscheiden, dass eine Führungsrolle nicht nur „führen“ bedeutet, sondern auch klare Bereiche hat. Ob man nun definiert „Geschäftsführer besorgt Mitarbeiter, Aufträge und Cash“ oder „Chefredaktion sorgt dafür, dass am Ende des Monats eine neue Zeitschrift fertig ist“, in der Realität gibt es Teilbereiche, die man – wenn man das möchte – teilen kann. Es kann jemanden geben, der sich um die Personalführung kümmert, es kann jemanden geben, der sich um New Business kümmert usw. Wichtig ist für den Erfolg des Unternehmens, dass es für jede Aufgabe einen Häuptling oder Unterhäuptling gibt. Der Rest ist eine reine Organisationsaufgabe. Vorausgesetzt man hat ein Interesse daran, überhaupt über die Möglichkeit nachzudenken. Denn es kann natürlich einen kleinen Mehraufwand am Anfang in der Abstimmung und Umdenke bedeuten. Und es gibt auch mal Komplikationen. Allerdings überwiegen die Vorteile in meiner Erfahrung um ein Vielfaches.

Ich bin ein Freund der Idee, das es möglich ist mit etwas Geld zu verdienen, dass einem Freude bereitet. Und ich bin auch ein Freund der Idee, dass man Mitarbeiter so einsetzt, dass sie ihre Stärken am besten entfalten können. Diese beiden Ideen harmonieren sehr gut miteinander und führen nicht selten dazu, dass sich jemand sehr positiv weiter entwickelt.1 Aber diese Ideen haben nichts mit dem Umfang der wöchentlichen Arbeitszeit zu tun. Es mag irgendwo sicherlich eine zeitliche Untergrenze geben, aber angefangen beim z.B. bei Unilever und anderen Firmen praktizierten Halbe/Halbe-Modell bis zu meiner Stelle (als Beispiel): Es gibt viele Möglichkeiten, in denen Führung in Teilzeit funktioniert.

Wolfgang hat Robert Franken zitiert und etwas umformuliert:

Wie stelle ich als Arbeitgeber sicher, dass ihr euren Job auch während eurer Zeit mit Kindern so ausüben könnt, dass eure Bedürfnisse nicht hinter meinen zurückstecken müssen?

Zu schlussfolgern, dass es bei diesen Teilzeitführungs-Modellen nur darum geht, einen Mitarbeiter zu halten, ist zu einfach. Denn Familie gehört zum Leben vieler Menschen dazu und daher sollten die regulären Möglichkeiten in der Arbeitswelt – inklusive “Karriere machen” – dies reflektieren, nicht nur die Ausnahme darstellen. Für Frauen und Männer. Und mit dem Bewusstsein, dass Kinder nicht nach 1-3 Jahren auf mysteriöse Weise verschwinden, sondern wechselnde Anforderungen für die Eltern bedeuten.2

Es geht darum anzuerkennen, dass die sagenumwobene Work-Life-Balance lediglich bedeutet, dass man mehrere Interessen im Leben hat und diese irgendwie auslebt. Und dass ein Karriereschritt nicht bedeutet, dass die anderen Interessen verschwinden.3

  1. Wobei nicht jeder Top-Berater/Grafiker/Programmierer/Paketzusteller automatisch eine Top-Führungskraft ist (anderes Aufgabengebiet), geschweige denn dazu Lust hat. []
  2. Familie ist in diesem Beispiel der Anlass, aber es könnte auch jeden anderen Grund geben. Vielleicht möchte jemand einfach nicht 40 oder mehr Stunden die Woche arbeiten und stattdessen mehr Freizeit, um zu lesen oder zu kiten oder Holz zu hacken. []
  3. Oft ist eine Führungsposition mit mehr Stress verbunden und die Freizeit wichtig für geistige und körperliche Ausgeglichenheit. []

Abenteuer Istanbul Woche 8/13 – Zisterne, Akin Balik, Frisör, Hängematte, Gilmore Girls

Die Woche beginnt mit Ruhe. Das Wetter hat sich etwas beruhigt, tagsüber 27 Grad, abends windig, nachts angenehm. Nach der Arbeit wird geplanscht oder eingekauft, Kaffee getrunken oder auch Gilmore Girls geguckt, das Yufka-Börek variiert.


Freitagabend kommt Besuch aus Deutschland, es wird gegessen, getrunken, gequatscht bis spät. Am Samstag geht es nach Europa, wir wollen die Zisterne anschauen. Genau wie der Topkapi-Palast aus der Zeit von Justinian, ist das im Prinzip ein großer unterirdischer Raum, wo früher mal Wasser drin gesammelt wurde. Heute leben hier viele Fische und in einem Cafe wartet ein Mann vergeblich auf Kundschaft. Der Wanderweg ist leider zu hell beleuchtet, aber die Grundstimmung ist da.


Die Gäste wollen einmal durch die Hagia Sophia, „wartet mal 20 Minuten hier“. Die Kinder essen Simit mit Nutella, während wir die erhöhte Sicherheit im Vergleich zu vor vier Wochen wahrnehmen. Ein Panzerwagen patroulliert, Polizistenpärchen sind unterwegs. Wir ziehen weiter durch den Großen Bazaar (Bild oben), kaufen wieder nichts und machen uns über die Galata-Brücke auf zu meinem Lieblingsrestaurant Akin Balik. Lockere Atmosphäre, absolut leckeres Essen und faire Preise. Und guter Blick. Fanden die Gäste auch.


Nach Nickerchen in der Hängematte und Kurzeinkauf verbringen wir auch diesen Abend mit Mezze, Wein und Geschichten – wir mussten ja nicht am nächsten Morgen um sieben zum Flughafen… Es könnte schlimmer sein.

Chronologisch steht hier wohl etwas zum Thema Fußballeuropameisterer, aber wir haben weder unsere Facebook-Avatare mit Islandfahnen geschmückt, noch das Finale geguckt. Im Bett habe ich auf Twitter gelesen, dass CR7 zusammen getreten wurde und auf Facebook Anfang der Woche verfolgt, dass Jogi noch nicht weiß, ob er weiter macht, dass er nicht kritikfähig war, dass die deutschen ein Sturmproblem hatten, wie alles wieder gut wurde, weil im Video ein portugiesisches Kind einen weinenden französischen Fan getröstet hat und wie alle plötzlich Ronaldo doch mögen.
Kann sein, dass das alles stimmt, vielleicht auch nicht. Hallelujah.

Dienstag geht es, Trommelwirbel, zum Frisör. Bewaffnet mit Fotos nehmen Jr. und ich Platz und sind auch sofort dran. Der Barbier ist natürlich nicht Frau Wegner und Jr. etwas eigen, aber am Ende ist er zufrieden. Also Jr. Bei mir geht es auch ruckzuck und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Funfact: Hinterher Nieselhaare rauswaschen gehört hier dazu, inkl. Ohren trocken legen.


Mittwoch ist ein komischer Tag und wir beschließen, nach Kuzguncuk zu fahren, in das Café mit WLAN, wir können noch ein bisschen arbeiten, essen und die Kinder spielen. Bei guter Aussicht, bei gutem Wetter, man gönnt sich ja sonst nichts. Das klappt so mittel, denn die Kinder wollen lieber auf unseren Handys spielen, als auf dem Spielplatz, was dem Vater so gar nicht passt. Nun denn, irgendwann sind alle ein bisschen zufrieden, und wir machen uns auf den Heimweg. Hängematte, Podcast, Liegestuhl, Gilmore Girls (irgendwie müssen die Kinder ja ihr Englisch behalten 🙂 )- grundsätzlich kann man es viel schlechter haben.


Donnerstag beginnt mit der Einsicht, dass diese Woche noch gar nicht gebloggt wurde. Die offizielle Antwort ist, dass wir an einem Dienstag gestartet sind, an einem Donnerstag zurückkommen, sich der Veröffentlichungstermin also verschieben muss (denn ich kann ja nicht über eine halbe Woche bloggen), die Wahrheit ist aber, dass noch nicht die Muße da war. Die Vermieterin fährt früh zum Markt, und dann muss ich zur Post und zum Wiedafon-Laden (Name geändert), zwei Erfahrungen die diametraler nicht sein können.

Ausgerechnet bei der Post (ich liebe die Leute in meiner Filiale in Hamburg) erlebe ich zum ersten Mal in der Türkei deutsches Bürokratentum Schrägstrich Servicewüste, wie man es im Buche finden würde. Als Absender darf ich keine deutsche Adresse angeben (obwohl da ein Feld „Country“ ist). Den Tränen nah 😉 rufe ich meine Vermieterin an, die gar nicht auf meine Frage antwortet sondern gleich sagt: Das kennen die nicht, können die nicht, vergiss es, nimm meine Adresse. Oh, ok. Der Kartenleser darf nicht benutzt werden, und ich hab nicht genug Bargeld, der Automat ist nur 50 Meter entfernt… keine Chance – Mittagspause.

Im Wiedafon-Laden versuche ich zu erklären, dass die 50 GB des mobilen WiFi-Steins alle sind. Wir erinnern uns, das Gerät, dass sie mir geliehen haben unter der Bedingung, dass ich es zurück bringe. Ohne meine Adresse zu haben. Der Mann nimmt, macht und erklärt mir, dass ich nun für die nächsten drei Monate 25 GB habe. 80 TL. Ok, gebe ich ihm aber will er nicht. Bezahlt wird später… Versteckte Kamera bei Wiedafon?

Viel „es könnte schlimmer sein“ diese Woche. Mit Recht. Nächste Woche sind es noch vier Wochen bis wir zurück sind, noch ein Monat bis ich wieder ins Büro gehe. Und wenn ich letzte Woche schrieb, dass wir schon an Dinge in Hamburg denken war das kein Spaß. Die Kinder sprechen immer mehr von ihren Freunden, vor lauter Verzweiflung 😉 lernt Jrs. jetzt auch die Schachregeln und übt Anlaute (siehe Cheat-Sheet). Spiele mit den Kindern aus der Straße werden einfacher, müssen sein, bloß mal was Anderes machen, wenn man gerade nicht iPad spielen darf.


Und die Welt bleibt ja nicht stehen. Zumindest nicht länger, als unsere drei Monate. Vielerorts ist es schlimmer, ich sage nur Boris Johnson, Außenminister, Hallelujah.

Keine Sorge, es wird noch prosaischer… nächste Woche 😉

Iyi Günler.

Abenteuer Istanbul Woche 7/13 – Fußball, Ruhe, Ramazan, Kochen, Gitarre

Woche sieben ist genau die Mitte von dreizehn, kaum zu glauben, aber wir haben schon Bergfest. Kein Witz. Das große Abenteuer, hui, wir gehen für drei Monate nach Istanbul, ist halb zu Ende. Ich habe immer gesagt, 13 Wochen ist nix, das geht schnell vorbei… stimmt wohl.  Nun denn, 6 Wochen haben wir noch, also los!


Eigentlich war gedacht, dass wir, bzw. ich,  4 Wochen offiziell Urlaub machen würden, daraus wird wohl nichts, aber, wir bekommen noch einmal Besuch und werden wohl noch zwei Wochenenden wegfahren. Dank der letzten Gäste haben wir nun alle Sehenswürdigkeiten gesehen und werden wohl eher gezielt Orte besuchen, die uns sehr gut gefallen haben. Und dann, machen wir uns nichts vor, müssen schon wieder andere Dinge geplant werden: Jr.’s Geburtstag, Jrs.’s Einschulung, Renovierungen, Herbstferien, alte Jobs, neue Jobs, und natürlich Weihnachten.


Was letzte Woche geschah? Nicht viel. Christiane war arbeiten, ich war arbeiten, Jakob hat fast alle offiziellen Hausaufgaben fertig, jetzt machen wir nur noch Mathe und Vorlesen zum Spaß. Mittwoch wollten wir dann endlich zum Frisör, und unterwegs fiel mir ein, wie beschreibe ich denn den Schnitt, also wie erklär ichs dem Frisör? Nicht so einfach wie drei Äpfel kaufen… Also erstmal zuhause Fotos raussuchen. Donnerstag und Freitag ging es dann auch nicht, Samstag waren wir noch mal auf der europäischen Seite, um ein paar Besorgungen zu machen, ähem – Feilschen mit türkischen Gitarrenladenbesitzern, lustig. Die Ausleihe der gelben Epiphone hat mich also letztendlich für 6 Wochen knapp 80 Euro gekostet. Dafür sind die Finger beweglich… (Natürlich bin ich nicht mit leeren Händen nach Hause gekommen, dazu aber später mehr.)


Gegessen haben wir diese Woche vor allem Ramazan Pide (was machen wir bloss ab morgen, wenn der Ramazan endgültig vorbei ist?) und türkische Rezepte von deutschen Webseiten, wie zum Beispiel der Herzdame ihr liebstes Börek aus der Pfanne oder von Koch dich Türkisch den in Ohnmacht fallenden Imam.


Und sonst? Jrs. hat festgestellt, dass sie gerne abwäscht, und vor allem die Investition in ein Planschbecken hat sich als mehr als sinnvoll erwiesen. Morgens, mittags, nachmittags, nachmittags und abends, bei Sonne, bei Regen, bei Dunkelheit – planschen geht immer, bis die Lippen dunkelblau sind.

Wäre es eine Frage, dann wäre es zum Fazit ziehen natürlich zu früh, aber es ist keine, denn wir alle würden sagen: Kann man nur empfehlen.
Das Geheimnis eines Sommers. Ein bisschen so, wie Herr Buddenbohm das neulich so schön beschrieb

Abenteuer Istanbul Woche 6/13 – Topkapi, Büyükada, Galata, Markttag, Istanbul Forum und noch ein Anschlag

Donnerstag ist Markttag und ein Erlebnis, also gehen wir da hin. Unsere Gäste sind begeistert von der Auswahl an Früchten und deren Geschmack. Wie sagte Onkel Dittmeyer schon, da steckt wohl eine Extraportion Sonne drin. Der Weg zurück, vollbepackt, wird kein leichter sein, aber wir haben ja einen Hackenporsche. Auch wenn die Sonne knallt und es bergauf geht – die frischen Krischen und Erdbeeren und Aprikosen entschädigen.



Freitag machen wir einen größeren Ausflug, zum Topkapi-Palast. Es ist so warm, dass wir uns schon vor der Busfahrt mit kaltem Wasser eindecken und bis zur Rückkehr ständig nachfüllen… Topkapi war der Sultanspalast bis dieser nach Dolmahbace umgezogen ist, und Topkapi zum Museum umfunktioniert wurde. Entsprechend groß ist das ganze. Die Küchen versorgten in der Regel 4000-5000 Menschen, manchmal mehr. Der Blick von den Gemächern über das Goldene Horn ist beeindruckend und die Ausschmückung entsprechend repräsentativ. Einmal mehr bleiben die Gedanken an diejenigen, die das alles erbaut haben, und unsere Gäste verweisen in diesem Punkt auf die Vorzüge der Demokratie. Wir essen wieder bei Akin Balik am Anleger Karaköy und glücklicherweise schmeckt es auch den Gästen. Wenn wir ein Restaurant in Istanbul empfehlen müssten, wäre es dieses. Frischer leckerer Fisch in bester Atmosphäre. Müde kehren wir zurück und lassen den Tag mit Planschbecken und Fußball ausklingen


Samstag wollen wir es ruhiger angehen lassen. Außer planschen und kicken im Garten ist nicht viel geplant. Am Nachmittag erklimmen wir im Park um die Ecke den Aussichtspunkt, der dann doch überrascht. Der Blick reicht weit über das Wasser und der Weg war gar nicht so beschwerlich. Das Parkkaffee serviert gute Limonade und guten Kuchen, wobei sich mein Eindruck erhärtet: Tiramisu gehört nicht zu den Stärken der Istanbuler Küche. Wohl aber das Ramazan Pide.

//Kleiner Exkurs: Ramazan, bei uns Ramadan, heißt übersetzt der heiße Monat und ist der Fastenmonat der gläubigen Muslime (Ausnahmen: Krank, schwanger, auf Reisen – die Tage müssen aber nachgeholt werden). Das Fasten am Morgen beginnt, wenn die Morgendämmerung Licht in die Häuser bringt, oder wenn man am Morgen einen schwarzen von einem weißen Faden unterscheiden kann. Das tägliche Fastenbrechen geschieht irgendwann zwischen Erlöschen des Sonnenlichts und Einbruch der Nacht.//


Von nichts kommt nichts, also machen wir uns Sonntag wieder auf einen größeren Trip, nach Büyükada. Wir machen die Tour um die Insel per Kutsche und gehen beim Walk auf Torture hoch zur orthodoxen Kapelle an unsere Grenzen. Alles in allem bleibt die Insel auch beim für uns dritten Besuch sehr beeindruckend und wir entspannen auf der Rückfahrt mit der Fähre. Nun gilt es noch mal wach zu werden, denn Deutschland spielt gegen die Slovakei. Ein offensichtlich gelungener Ausklang des Abends, den der Autor dieser Zeilen exakt vorhersagte…


Unsere Gäste fliegen am Dienstag, also machen wir uns am Montag noch einmal auf den Weg nach Europa und besichtigen den Stadtteil rund um den Galata-Turm etwas intensiver. Der Turm hat für die Kinder inzwischen die gleiche Bedeutung wie der Schlump in Hamburg. „Da arbeitet Mama.“ Sinnbildlich. Wo immer man das Abbild des Turmes sieht: „Da arbeitet Mama.“ Wir fahren mit der Tünel-Bahn vom Anleger nach oben, schlendern ein wenig am Anfang der Einkaufsstraße Istiklal (für die Heider: Die Gehstraße), inklusive Besuch des Deutschen Buchladens gleich neben der deutschen Schule,  und machen uns dann auf den Weg bergab. Das Thema Gitarre wird vom Autor vorangetrieben, während einer der Gäste mit Junior den Turm besteigt. Beim Weg den Berg herunter lassen wir die Souvenir-Shops links und rechts liegen. Fast. Entdeckt wird ein Stoffladen, in dem Kleidung aus Seide angeboten wird. Echte Handwerkskunst, die vor Ort auch demonstriert wird. Also kaufen wir natürlich was.


Besonderer Erwähnung bedarf das Essen an diesem Tag. Christiane führt uns zu einem unscheinbaren Eingang in einem Bürohaus und mit dem Fahrstuhl nach ganz oben. Die Dachterrasse ermöglicht einen tollen Blick über die Dächer auf das Goldene Horn, so dass die Gäste ihren Trip noch einmal Revue passieren lassen können. Auf Empfehlung essen wir Manti, eine Art ungefüllte, leicht angebratene Ravioli in Knoblauchjoghurtsoße. Lecker.  Am Abend stoßen wir noch mal an, auch auf den Fußball, der in Form der Isländer auch nicht enttäuscht. Brexit bleibt das Thema der Woche.

Dienstag bringen wir die Gäste auf den Weg zum Flughafen, wie sich herausstellen wird nicht zu spät, denn am späten Abend, lang nachdem die Gäste wieder in Deutschland gelandet sind, explodiert vor dem Flughafen eine Bombe. Sicherlich gäbe es nun Gründe, die Koffer zu packen und zurück nach Hamburg zu reisen, aber es gibt eben auch genug Gründe dies nicht zu tun. Der Angst nicht nachzugeben ist nur einer davon.

Da wir den Abend nicht vorausahnen verbringen wir den Tag im „Forum Istanbul“, quasi das AEZ oder die Hamburger Meile Istanbuls. Hier gibt es allerdings neben den üblichen Shops auch noch ein Minilegoland (in dem wir lernen, das das vierte „D“ bei der Kinovorstellung von „Die Legenden von Chima 4D“ Lichtblitze, Wind und Wasser bedeutet) und ein Sealife Akvarium. Die Tierhaltung allein zur Belustigung von aufrechtgehenden Lebewesen ist immer ein Problem, besonders bei einem Schwarmfisch ist mir das noch mal sehr deutlich geworden – es schien als hätten die Fische tatsächlich nur einen 50cm breiten, 3m-hohen Ring um den Besucherraum Platz, ohne Zweifel damit der Besucher sieht, wie Schwarmfische im Schwarm schwimmen.


Das große Becken wiederum, in dem auch die kleinen Haie und Rochen und Gitarrenfische zu Hause waren, erschien extrem groß. Jedenfalls so groß, dass ich meine Bedenken für einen Moment über Bord warf und vollkommen beeindruckt war, denn der Zuschauer läuft quasi in einer Röhre unter ihnen durch. Wenn da so ein Hai plötzlich über einem ist, und dann ein zweiter kommt…ich hab mich erschreckt.

Zuhause bleibt gerade noch Zeit, was zu essen, Lego aufzubauen und über die Schlagzeile, dass die englische Nationalmannschaft vorerst weiter bei der EM mitspielen wolle, zu lachen, da hat uns die Realität in Form des Anschlags wieder. Die politische Situation, und ja nicht nur hier in der Türkei, der Terror – das gehört zu unserem  Aufenthalt dazu, wird immer Bestandteil der Geschichte dieses Sommers sein.

Güle Güle.

Abenteuer Istanbul Woche 5/13 – Hausaufgaben, Ruhe, Fußball, Hagia Sophia

Eine ruhige Woche. Meine Frisur wird nicht nicht besser, dafür geht Christiane mit der Vermieterin zu deren französischen Friseurin. Jr. und ich kümmern uns derweil verstärkt um Hausaufgaben. Diese Woche wollen wir vor allem Hefte abschließen, denn nächste Woche kommen Oma und Opa und können Sachen mit nach Hause nehmen – ein guter Ansporn. Der Schreibschrifttest wurde schon absolviert, das Buch mit der Füchsin gelesen, jetzt wird viel gerechnet.


Mittwoch fahren wir noch mal in die Stadt, ich muss schon wieder nach Gitarren gucken, die Kinder sind aber auch ein bisschen froh über jeden Stop, denn die Läden sind zum Schutz der Instrumente alle klimatisiert. Donnerstag regnet es, und Christiane fliegt für einen Termin nach Stuttgart. Deutschland spielt und wir schauen das Spiel bei den Nachbarn mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit. Der Vater und ich fachsimpeln (also er fachsimpelt, ich tue als würde ich verstehen), seine Kinder gucken mehr auf ihre iPads, Jr. fiebert und Lilli spielt mit ihrer Puppe. Der Vater tippt 0:0, er sagt es sei logisch, das beste Ergebnis für beide Teams. Wie ich das hasse.


Nach dem Regen kommt die Hitzewelle. Wir haben ein Planschbecken, das Wasser ist warm. Wir hängen Wäsche auf, die ist nach einer Stunde trocken. Wir schminken uns, die Schminke zerläuft. Entdeckung der Woche: Das Ramazan-Pide. Leckeres Brot, das die Gläubigen nach Aufgang der drei Sterne essen. Es schmeckt so gut, dass ich gleich noch mal runter zum Bäcker renne, weil das erste in 20 Minuten alle ist.


Keine nennenswerten Ausflüge, außer dass ich nochmal in die Stadt zum Gitarrentesten fahre, die Experten ahnen schon, wo das hinführt… Die Kinder spielen derweil mit ihren Freunden, die sie am ersten Wochenende auf Büyükadar kennengelernt haben. Abends gibt es Pide und eine Einführung in das Haus der Vermieter, denn die fahren in Urlaub und währenddessen ziehen Oma und Opa ein.


Also geht es Dienstag zum Flughafen. Mit dem Bus zum Anleger nach Üsküdar, zwei Stationen mit dem Marmaray unter dem Wasser durch, dann 17 Stationen mit der Straßenbahn. Und wieder zurück. Die Kinder und ich sind bisher weder Marmaray noch Straßenbahn gefahren und haben unseren Spaß. Abends spielt passenderweise Deutschland und irgendwann fällt auch endlich mal ein Tor, sodass die Kinder zufrieden einschlafen können.




Mittwoch dann mal wieder ein Ausflug, wir wollen uns die Hagia Sophia anschauen, „die bis heute die größte jemals über vier Tragepunkten errichtete Kuppel geblieben ist, und auf Grund der besonders kostbaren Innendekoration nebst den allgemeinen Dimensionen des Bauwerkes, gilt die Hagia Sophia allgemein als eines der großartigsten Gebäude aller Zeiten.“ Glaub ich. Sehr beeindruckend, auch wenn natürlich auch dort renoviert wird. Es ist warm, wir brauchen viel Wasser und Eis und ein großes Essen unterhalb der Galata Brücke. Auf dem Rückweg wird eingekauft und wir sehen endlich mal wirklich spannende Spiele in Frankreich. Aber wie schon in den letzten Tagen ist das zweite Spiel einfach zu spät. Nach der ersten Halbzeit geht es ins Bett.

Iyi aksamlar