Abenteuer Istanbul/Deutschland Woche 13/13 – Koffer, Räumerei, Veränderungen, Gleichgebliebenes

Wir sind wieder zu Hause in Hamburg in unserer Wohnung, der es gut geht. Alle Koffer sind ausgepackt, fast alles ist wieder gefunden. Gestern ging ich groß einkaufen. Groß. Einen Einkaufswagen bis oben hin voll. Dann alles einmal aufs Band, dann wieder in den Wagen, dann ausladen ins Auto, dann ausladen in die Wohnung. Das erinnerte mich ein wenig an die letzten 2 Wochen. Alle Klamotten sammeln, in die 5 Koffer, 4 Handgepäckstücke, einen Rucksack und eine Handtasche. Istanbul->Kusadasi->Samos->Athen->nochmal Athen->Düsseldorf->Übach->Hamburg. Wobei in Übach noch zwei Koffer und zwei Packkisten dazukamen. Der Leihwagen mit dem wir nach Hamburg fahren ist so voll, dass wir einen Rückbanksitz umklappen und die Hutablage nur mit Ach und Krach mitbekommen…


Aber nun ist alles ausgepackt und nur ich suche etwas halbherzig meine Tan-Nummern und einen Konferenzplan. Auch die Dinge, die wir ausgelagert haben, damit unsere Zwischenmieter mehr Platz haben sind wieder an ihrem Platz oder einer weiterführenden Bestimmung zugeführt (Altkleider, Villa, Müll). Wenn man schon mal dabei ist, kann man auch reduzieren. Nach drei Monaten mit Weniger wollen wir diesen Spirit in Teilen erhalten.

Womit wir schon (haha) bei der Frage aller Fragen sind. „Wie wars?“ Tja, überraschenderweise kann ich das nicht in einem Satz beantworten. Ich kann sagen, dass wir in knapp zwei Monaten knapp 1,5 Liter Duschgel zu viert benötigen. Dass die Ambre Solair Sprühsonnenmilch von Garnier top ist und eine Dose für vier knapp vier Wochen hält. Fahrradflickset ist ohne Worte gar nicht so schwer zu beschreiben und eignet sich natürlich auch für Planschbecken. Das unfassbar leckere Olivenöl kostet auf Samos 3,50 Euro, bei Edeka etwas mehr.


Ich habe gelernt, mit der Hitze umzugehen – nicht, dass es eine Alternative gegeben hätte. Ich habe gelernt, mit Polizei- und Militärpräsenz auf großen Plätzen umzugehen, gleichzeitig Gruppen zu umgehen und trotzdem Spaß zu haben. Mein Antwort auf die Frage ist üblicherweise „gut, ich würde es wieder machen“. Die Frage „habt ihr etwas von den Geschehnissen mitbekommen“ ist schwerer zu beantworten. Teufel rechts denkt „hey“, schreit „liest du etwa mein Blog nicht?!“, Engel links sagt „ja, aber anders als du vielleicht denkst“. Und dann wird es meistens kompliziert, weil meine „Erfahrung“ sich nicht 100prozentig mit der Marietta Slomka-, Bild-, Focus-Berichterstattung deckt und es bei dementsprechender Prädisposition nicht unbedingt einfacher wird, meine Erfahrung in wenigen Worten zu erklären. Insbesondere beim Gedanken an Marietta Slomka.

Anyway. Istanbul ist eine tolle Stadt. Schade, dass Erdogans Politik zurzeit dafür verantwortlich ist, dass man sie deutlich weniger frei genießen kann.

Und ja, wir haben uns wieder eingelebt. Das war nicht schwer, denn einerseits ist viel zu tun, im Job, im Terminkalender, in den Bands, an der Villa (da ist ja jetzt auch noch Erntezeit – kommt vorbei), andererseits, seien wir ehrlich, hat sich in den drei Monaten nicht wirklich viel verändert. Die Kinder sind etwas gewachsen, aber die Autofahrer sind immer noch unausgeglichen, Menschen an der Kasse ungeduldig, der Kaffee auf der Arbeit schmeckt immer noch bedenklich und außer mir weiß immer noch niemand, wie man die Handtuchrolle wechselt. Insofern…


Auf zu neuen Wegen…

Abenteuer Istanbul Griechenland Woche 12/13 – Samos, Ormos, Olivenölfabrik, Athen, Exarchia, Akropolis, Zoo

Sonntag bis Sonntag verbringen wir in Ormus Marathokampou auf Samos. Das AirBnB verspricht 30 Meter bis zum Strand und tatsächlich, zwei Badestellen sind absolut fußläufig, was wir ausnutzen. Sieben Tage Urlaub, sieben Tage Dekompression, jedenfalls fühlt es sich so an. Am Anfang geben wir uns noch Mühe die Insel zu erkunden, wir haben jedoch nach drei Tagen das Gefühl, dass unser Stranddorf, das im Prinzip aus zwei etwas längeren parallelen Straßen besteht, der schönste Fleck der Insel ist. Die Restaurants bieten leckere, fischreiche lokale Kost und Samena, den trockene Muskatweißwein. Zum Frühstück entweder Müsli oder zwei lokale Spiegeleier mit Oliven und Feta. Dazu Meer, morgens, mittags zum Abkühlen und abends zum Appetitmachen. Tipp für Eltern: Schnorchel und Brille verlieren den Reiz nicht…


Einen Tag fahren wir nach Pythagorion, da stehen viele Yachten, ein Denkmal an Pythagoras und die Luft. Einen Tag fahren wir nach Karlovassi, aber der Anstieg zu den Wasserfällen in brütender Hitze schreckt uns ab, stattdessen essen wir ein Eis, wir sind schließlich im Urlaub. Auf dem Weg zurück suchen wir eine Olivenölfabrik, die soll hier irgendwo sein. Wir fragen, wir klopfen. Hallo? Besucher haben wir hier eigentlich nicht, aber kommt rein, ich führ’ euch rum. Jetzt wissen wir, wie es geht, Saisonarbeit in der Fabrik, von November bis Februar…



Wir grüßen jeden, der lächelt, und die Kinder schließen Freundschaft mit einem Fischer. Wollen mit ihm mitfahren. Geht das? Geht, sagt Prodromus, Samstag. Also fahren wir Samstag mit Prodromus und seinem Sohn Kostas zu einer versteckten Badestelle, wo er ein Haus hat und für uns kocht. Wir springen vom Boot ins Wasser, tauchen, spielen Paradies. Wir können unser Glück kaum fassen, dass die anderen Teilnehmer der Reise auch nett sind. Zwei davon aus Wandsbek, kann man sich nicht ausdenken. Bei der Hafeneinfahrt sind wir platt, aber sehr zufrieden.


Sonntag fahren wir zum Flughafen, parken das Auto 20 Meter vom Eingang, brauchen 5 Minuten für den Check-in, und gehen durch die Gate-Tür 10 Meter bis zum Flugzeug. Das hätten wir gern in Zukunft immer so…

Athen ist anders. Athen ist mit 3,75 Mio Einwohnern groß. Unsere Unterkunft ist leider der einzige Airbnb-Fehlgriff, und nicht mal, weil es in einer Dodgy-Umgebung ist. Betten, die bei jedem Atemzug knarren, die Aircondition ist so laut wie ein Fön. Nach einer ******en Nacht ziehen wir um. Die Zwischenzeit – die neue Unterkunft ist erst am Nachmittag frei – verbringen wir im Archäologischen Nationalmuseum. Wir haben schlecht und wenig geschlafen und müssen viel Zeit tot schlagen, so dass wir uns wirklich jede der 34.339 Vasen angucken können. Meine neue Leidenschaft. Rote-Figur-Phase, weiße-Figur-Phase – ich habe tatsächlich was gelernt. Auch, dass man das Café auf dem Vorplatz meiden sollte, aus Service-, Preis- und Geschmacksgründen. Mit der ersten Familien-Uber-Fahrt kommen wir in der neuen Unterkunft an, das Appartement ist viel besser.  Dafür – passend zu unserem Abenteuer – in Exarchia, einem Stadtteil, in dem Antifas, Anarchisten und viele Flüchtlinge leben, in dem Gebäude besetzt sind, in dem man noch mal ganz andere Dinge sieht. Wer sich dafür interessiert, dem sei Martin Gommels Blog empfohlen.


Wir schauen uns die Akropolis an, der Haupttempel ist getreu unserem Glück natürlich eingerüstet. Für mich am beeindruckendsten ist, dass dieser Hügel tatsächlich das Zentrum der Stadt ist: In alle Himmelsrichtungen nichts als Häuser.


Letzter Tag in Athen, wir gehen – of all places – in den Zoo. Der liegt sehr weit draußen, scheinbar im Niemandsland zwischen Malls und Outlets, und ist überraschend gut. Viele verschiedene Tiere und es ist spannend, sie in einem anderen Klima als Hamburg oder Hannover zu erleben. Nichts kann die beiden Löwinnen toppen, die uns dulden, während sie den Tiger im Gehege gegenüber beobachten. Wenn ihr mal in der Gegend seid…


Jetzt packen wir die Koffer, ein vorletztes Mal, morgen fliegen wir zurück nach Düsseldorf, dann ist das Abenteuer so gut wie zu Ende, wir werden uns ein paar Tage bei der Familie akklimatisieren, dann zurück nach Hamburg fahren, aber hoffentlich nicht direkt in unser altes Leben. Das wird dann der letzte Teil.

Kalinichta.

Abenteuer Istanbul Woche 11/13 – Kusadasi, Texit, Griechenland, Mittelmeer, Samos

Kusadasi. Ein Airbnb mit viel Platz, Klimaanlage und Pool. Es könnte schlimmer sein. Mittwochabend darf bis spät gebadet werden, das machen wir auch. Donnerstag gibt es viel zu regeln und zu arbeiten, und es muss im Pool geschwommen werden. Der Weg durch die Innenstadt zum Hafen ist ein reines Touristenfangen, die Koberer sprechen uns auf allen möglichen Sprachen an und wollen uns Trikots, Parfüm und Schuhe andrehen. Einmal (oder zweimal) werden wir schwach, aber es bleibt immer der Gedanke, was wäre, wenn hier tatsächlich was los wäre? Normalerweise wächst Kusadasi im Sommer von 100.000 auf 1.500.000 Einwohner an, in diesem Jahr nicht.


Der Lady Beach Club ist für unser Empfinden zu voll, aber wir sind ja auch eher die Eigenbrödler. Fakt ist, es ist Hochsaison und nur 1/3 der Sonnenliegen ist belegt, obwohl die Sonne scheint, obwohl man hier nichts von Putsch oder sonstigen Außenwirkungen merkt. Es fehlen einfach die Gäste. Freitag machen wir uns auf nach Ephesus, ein in großen Teilen freigelegtes Weltwunder. Abgesehen davon, dass es viel zu warm ist, ist das einer der beeindruckendsten archäologischen Orte, die ich je gesehen habe. Die schiere Größe sollte nicht verwundern, aber so ein komplettes Römerdorf sieht man eben nicht so oft. Dazu einige Überraschungen wie zB die Hanghäuser – Häuser mit 6 oder 7 Wohnungen, Wohnungen mit einer Zimmeraufteilung so wie wir sie kennen. Zwei Theater, eine Bibliothek, wirklich beeindruckend. Also, im Ernst.



Dann ist schon wieder Packen angesagt. Sonntagmorgen bringt uns unser Vermieter freundlicherweise zum Fährterminal für die Überfahrt nach Samos. Bei der Planung waren wir uns nicht sicher, ob wir diese Route nehmen wollen, es ist schließlich genau die Strecke, die viele Flüchtlinge „nehmen“. Dennoch. Check-in ist wie beim Flughafen: Security, Passkontrolle, Boarding Pässe. Wir boarden mit ca. 30 anderen Reisenden, verstauen unsere Koffer und das Boot macht sich auf die knapp 20 Kilometer lange Strecke. Die Kinder versuchen zu schlafen oder spielen iPad, ich nehme mir meine Kopfhörer. Aus irgendeinem Grund höre ich Mare, eine Empfehlung eines – ach, das würde zu lange dauern. Keine Ahnung, ob der Bandname sich eher auf ein altes Pferd oder Wasser bezieht, aber die Klänge passen. Während wir das Festland hinter uns lassen und sich nach vorne schon relativ schnell Berge im Dunst abzeichnen. Wir sehen Dinge im Meer schwimmen. Rettungswesten, Koffer, Dinge, die wir nicht erkennen. Es ist alles sehr real. Die Kinder sehen zum Glück nicht was wir sehen und in diesem Fall belassen wir es dabei. Sie kennen die Bilder aus den Nachrichten, und machmal reicht dieser viereckige kuratierte Blick auf die Realität, ich finde in den letzten Wochen hatten die beiden schon genug Realität für ihr Alter. Und in diesem Fall weiß ich auch nicht, was ich ihnen sagen sollte. In diesem Fall bin ich froh über die Musik, die mir hilft, die Realität zu verarbeiten.



Irgendwann ist das Boot parallel zu ersten Ausläufern der Insel, auf der die griechische Flagge weht, auch am Strand sehen wir  Gegenstände liegen. Zu diesem Zeitpunkt sind wir vielleicht 60 Minuten unterwegs, und ich kaufe zwei Kaffee. Espresso mit Milch, kein Nescafe, 2 Euro das Stück. Wie nah das alles beieinander liegt. 25 Minuten später legen wir auf Samos an, noch mal Passkontrolle, und dann noch mal kollektives Ausatmen. Klar, wir hätten auch direkt nach Deutschland fliegen können, aber wir wollten eben auch nicht fliehen. Diesen Weg haben wir uns selbst ausgesucht, inklusive der Verzögerung von nun insgesamt 16 Tagen nach dem Putsch. Aber es fühlt sich gut an, zwar auf fremdem (wir waren noch nie in Griechenland) aber implizit vertrautem Boden (EU) zu stehen. Und dann steht da Sandy mit einem Schild. Sandy ist kein 25-jähriges griechischen Mädchen sondern ein 40-jähriger gebürtiger Holländer, der mit uns Deutsch spricht und uns die Reise erstmal vergessen lässt. …


Nach knapp einer Stunde über immer schmaler werdende Straßen und Serpentinen landen wir in Ormos Marathoukampos. Bei näherer Betrachtung ein Dorf mit zwei Straßen. Das Airbnb-Bild hat einen Blick auf Wasser, also nehmen wir die Strandstraße und rollen so lange, bis wir Studios Kleopatra finden, unser Zuhause für die nächste Woche. Klein, einfach, aber AC in den Schlafräumen und WLAN, dazu 30 Meter bis zum Wasser. 30 Meter bis zum Wasser in dem man schwimmen kann. Wir werden es hier aushalten, auch wenn es mir persönlich mindestens sechs Grad zu warm ist.


Kalimera

Abenteuer Istanbul Woche 10/13 – Alles hat ein Ende, Texit-Pläne, Kusadasi

Wie heißt es bei “Ein Schwesterchen für Karlchen”:  heute ist alles anders.

Die Aircondition weckt uns kurz vor dem Tiefschlaf, also wird sie ausgeschaltet. Gegen vier Uhr nachts kommt Jrs vorbei, ein Mückenstich juckt. Erst gegen 9 Uhr morgens werden wir wieder wach, nach knapp neun Stunden mehr oder weniger gutem Schlaf. Mehr gutem.

Wir sind nicht mehr in Istanbul, sondern in Kusadasi, knapp 50 Kilometer von Izmir entfernt, knapp 600 Kilometer von Istanbul entfernt. Der Vermieter unseres Airbnb holt uns vom Busbahnhof ab, und das erste was wir lernen ist, dass der Coup hier praktisch nicht spürbar ist. Eine gute Nachricht, denn das war das Ziel.

Schon in der Woche nach dem Coup wird klar, dass Christianes Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt sein werden. Um Interviews zu führen, muss man sich in der Stadt frei bewegen können, um gute Interviews zu führen, muss der Kopf frei sein. Also planen wir den Texit, sprechen aber noch nicht drüber.


Unsere Wohnung in Hamburg ist noch belegt, und eigentlich wollen wir auch nicht sofort nach Deutschland, wollen nicht fliehen. Eher etwas Urlaub machen und im wahrsten Sinne des Wortes entspannen. Und was sehen. Balkanroute zurück zum Beispiel, oder etwas Zeit in Griechenland verbringen, soll schön sein da. Airbnb und viele Telefonate mit den Fluglinien später haben wir einen Plan, der der gesamten Familie gefällt. Nun gilt es vor allem, Gepäck reduzieren, also Zimmer und Schränke aufräumen und drei Pakete nach Deutschland schicken.


In der Zwischenzeit machen wir das gleiche wie in der Woche davor, nämlich so gut wie nichts. Wir arbeiten, spielen Lego, Fußball, iPad und gehen ab und zu mal einkaufen. Zweimal noch gehen wir alle in die Stadt. Ein letztes Mal zum Kaufmann und zum Bäcker. Ich sage Bye-Bye, ahme ein Flugzeug nach und sage Allmanya. Oh, sagt er, und Auf Wiedersehen.
Ein letztes Mal zum Turm, ein letztes Mal frisch gepresster Granatapfelsaft, ein letztes Mal ins Büro. Ein letztes Mal ein netter Abend mit Freunden – wirklich nett. Und wirklich schade, diese Sache mit dem Putsch…


Mittwoch früh machen wir uns auf den Weg. Taxi zum Sabiha Gökcan Flughafen, Pegasus Air nach Izmir, dann mit dem Bus nach Kusadasi. Da sind wir jetzt erstmal. Und lassen die Anspannung raus…


Iyi Günler!

Abenteuer Istanbul Woche 9/13 – Ein verschlafener Putsch, der Coup, Informationen, das Internet, Leben geht weiter

„Gibt’s was Neues?“ Das ist dieser Tage die Kernfrage immer dann, wenn einer von uns aus dem Offline in den Onlinebereich tritt. Es passiert gerade sehr viel sehr schnell in der Türkei. Und relativ wenig in unserem kleinen Gartenhaus.


Wo waren wir letzte Woche? Ach ja, Wiedafon, Frisör, Schach und Boris Johnson ist Außenminister. Christiane ist Freitag  wie normal im Büro, ich arbeite wie normal, die Kinder spielen normal. Wir essen, vermutlich Börek, gucken Gilmore Girls, sind müde und gehen ins Bett. Am nächsten Morgen ist alle anders, die folgenden paar Absätze habe ich schon mal so ähnlich auf Facebook geschrieben.

Wie man einen Putsch verschläft für/wie Anfänger

Wir haben jetzt gelesen was passiert ist und können uns äußern – zumindest dazu, wie wir das wahrgenommen haben. Zunächst die Zeitverschiebung. Ihr lest/hört gegen 22:00 oder 22:30 davon, da ist es hier eine Stunde später und wie liegen im Bett. Ich liege schon seit 21 Uhr eurer Zeit im Bett und weil das Internet wieder löchrig ist, lese ich ein Buch und bin nicht mal online.
Dann gut zu wissen: Die Bosphorus-Brücke ist knapp 10 Kilometer weg von uns, das ist ca Altona bis Rathausmarkt, inklusive Stau.

Wir schlafen mit offenem Fenster nach Asien raus, also in die andere Richtung. Gegen 3:30 Uhr werde ich wach, weil der Muezzin ruft. Das macht er immer um die Zeit, nichts besonderes. Wieder einschlafen dauert, ich höre Martinshörner, aber denke mir nix dabei, warum auch – ich weiß ja von nix. Irgendwann wieder eingeschlafen, wieder aufgewacht, wieder ruft eine laute Stimme. Komisch, der Muezzin ist eigentlich noch nicht dran, aber wie das so ist, wenn man die Sprache nicht versteht… Im Nachhinein weiß ich, dass ich auch Tiefflieger gehört habe und mich wunderte, dass die nachts fliegen dürfen… wieder eingeschlafen. In dieser ganzen Zeit nicht einmal aufs Handy geguckt, ist hier in der Türkei ja auch immer auf lautlos eingestellt, was soll nachts schon sein…

Gegen 8 Uhr aufgewacht, oh, zwei Anrufe vom Chef, Nachricht auf der Mailbox, was ist los? Erstmal Internet anmachen… Hotspot mit dem türkischen Telefon und plumps, so viele Nachrichten habe ich sonst nur an meinem Geburtstag. „Geht es euch gut?“ – Ich dreh mich um, „hast du auch …“ „ja, ich auch.“ „War ein Anschlag, haben wir was ver…“ „Putsch!“
Plötzlich bekommen die Geräusche der Nacht eine andere Bedeutung. Eine Email vom Auswärtigen Amt, wir sollen die Gebäude nicht verlassen.

Gerade hat wieder der Muezzin gerufen, normal zum Gebet. Ab und zu hören wir Krankenwagen und Polizeiwagen vorbeifahren, lesen Twitter und Nachrichtenseiten und versuchen nebenbei den Alltag aufrecht zu erhalten. Christiane chattet mit Kollegen, stimmt ab. Und, nein, wir gehen natürlich nicht wie geplant ins Museum…


Tja. Inzwischen wissen wir, dass der Muezzin quasi die ganze Nacht durch gerufen hat. Das Volk aufgefordert hat, auf die Straße zu gehen und sich den Putschisten entgegen zustellen. Und das war auch noch am Samstag so, dann kam auf der Aufruf, die ganze Woche über abends auf die Straße zu gehen. Das machen die auch, inklusive Autos/LKW die bis in die frühen Morgenstunden hupen. RTE spricht diese Woche zweimal in 1km Luftlinie von uns, an unserer Bushaltestelle Kisikli. Da hat er ja auch sein Haus. Deshalb ist die Straße gesperrt, deshalb muss Christiane diese Woche mit dem Taxi zur Fähre fahren. Wir kleben Samstag an Whatsapp und Facebook und Twitter, ich gehe einmal kurz Nudeln mit Tomatensoße kaufen. Aber erstaunlich schnell ist wieder Business as Usual. Klar, wir wohnen im konservativen asiatischen Stadtteil aber schon am Sonntag ist wirklich alles wieder wie vorher.


Jedenfalls scheint es so. Da wir kein Türkisch sprechen erfahren wir höchstens von unserer Vermieterin, wie es hinter der Fassade aussieht. Im Supermarkt und beim Kaufmann um die Ecke ist jedenfalls alles herzlich wie immer. Ab Feierabend geht’s dann los, die Leute gehen auf die Straße, jeden morgen wieder mit einer SMS dazu aufgerufen, es wird gehupt, Sirenen gehen (scheinbar darf man hier polizeiähnliche Hupen/Tonsignale haben). Wirklich jeden Abend, bis in die Nacht. Manchmal halte ich das mit Snapchat fest.

Die Kinder und ich verlassen diese Woche den Stadtteil nur einmal. Öffentliche Verkehrsmittel sind kostenlos, die Regierung dankt dem Volk damit für den Einsatz Freitagnacht. In der Gegend um den Galata-Turm ist alles wie immer, wir essen im Privato Café in einer Nebenstraße sehr lecker Frühstück/Mittag, allein die Händler scheinen noch eher bereit, sich runter zu handeln. Geschäft mitnehmen, so lange überhaupt noch Kunden da sind? Man weiß es nicht.


Information ist zurzeit das A&O, wobei hilfreiche Informationen kaum zu bekommen sind. Das Auswärtige Amt hat sich nach den zwei Mails Samstag nicht mehr gemeldet, d.h. offizieller Status Quo ist „bleiben Sie wenn möglich in ihren Unterkünften, meiden Sie öffentliche Plätze.“ Die deutschen Medien schreiben die großen Headlines von einander ab, jede mit ihrer eigenen Färbung. Fake, Putin, USA – alle sind irgendwo schuld. Es gibt Panikmacher, es gibt Laissez Faire-isten. Die türkischen Medien verstehen wir nicht, wobei eh alle staatsnah schreiben, alle anderen wurden aus dem Verkehr gezogen. Ich habe mir eine Twitter-Liste mit Korrespondenten angelegt, von denen ich glaube, dass sie mir am ehesten nützliche Infos bringen könnten, das hilft etwas, viel hören wir aus Christianes Netzwerk.

Fazit: Kannste dir nicht ausdenken…

Iyi Günler!

Karriere in Teilzeit – Eine Argumentation dafür

Ich habe nachgeschaut: Zuletzt schrieb ich über Work-Life-Balance und Karriere zwischen 2011-2013. Danach nicht mehr, vermutlich, weil ich inzwischen in einer Situation bin, wo mich das Thema nicht mehr als einschränkend berührt, sondern in einer, in der ich das Thema selber formen kann.

Wolfgang hat mich in einem aktuellen Blogeintrag auf die Causa Claudia ten Hoevel bei der Grazia hingewiesen, nebst den guten Beiträgen von „Mann beißt Hund“ Geschäftsführerin Nicola Wessinghage und Robert Franken, ehemals CEO von chefkoch.de und Vorstand urbia.de. Worum geht es? ten Hoevel ist Chefredakteurin des Gruner & Jahr Titel „Grazia“, wollte aus der Elternzeit zurückkommen und 12 Monate lang so arbeiten, dass sie mehr Zeit für ihr Kind hat. Wie viele Stunden das genau sind wird nicht ganz klar, aber es geht darum, dass sie nicht Vollzeit arbeiten will. Und um die Hypthese, dass man ein Magazin nicht leiten kann, wenn man nicht in Vollzeit arbeitet. (nicht Wolfgangs Hypothese)

Kurzer Einschub: Ich habe länger nicht über meine Work-Life-Balance geschrieben, weil ich bei AntTrail einen vollkommen tollen 32-Stunden-Vertrag habe, der mir sowohl ein ausgefülltes Berufsleben ermöglicht als auch Zeit mit meinen Kindern und für meine Hobbies bietet. Anttrail und ich hatten vereinbart, dass wir bei möglichen Agenda-Themen meine Teilzeitstelle nicht thematisieren, auch nach dem Aufstieg in die Geschäftsführung nicht, obwohl das eigentlich gut zu uns als New Work Agency passt. Denn wir verstehen die Option als Selbstverständlichkeit für alle, nicht für eine Person.

Für mich steht ohne Zweifel, dass Karriere und insbesondere Führung auch ohne eine Vollzeitstelle machbar ist. Genausowenig wie arbeiten zwingend an „im Büro auf immer dem gleichen Sessel sitzen“ gebunden ist, ist führen an „40 oder mehr Stunden im Büro erreichbar sein“ gebunden. Und hier müssen wir organisatorisch schon Unterschiede machen, denn in vielen Unternehmen bedeutet Geschäftsleitung oder Führung oder Chef-sein ja 60 Stunden in der Woche. Das gehört oft zum Guten Ton dazu. Aber es lohnt auch zu unterscheiden, dass eine Führungsrolle nicht nur „führen“ bedeutet, sondern auch klare Bereiche hat. Ob man nun definiert „Geschäftsführer besorgt Mitarbeiter, Aufträge und Cash“ oder „Chefredaktion sorgt dafür, dass am Ende des Monats eine neue Zeitschrift fertig ist“, in der Realität gibt es Teilbereiche, die man – wenn man das möchte – teilen kann. Es kann jemanden geben, der sich um die Personalführung kümmert, es kann jemanden geben, der sich um New Business kümmert usw. Wichtig ist für den Erfolg des Unternehmens, dass es für jede Aufgabe einen Häuptling oder Unterhäuptling gibt. Der Rest ist eine reine Organisationsaufgabe. Vorausgesetzt man hat ein Interesse daran, überhaupt über die Möglichkeit nachzudenken. Denn es kann natürlich einen kleinen Mehraufwand am Anfang in der Abstimmung und Umdenke bedeuten. Und es gibt auch mal Komplikationen. Allerdings überwiegen die Vorteile in meiner Erfahrung um ein Vielfaches.

Ich bin ein Freund der Idee, das es möglich ist mit etwas Geld zu verdienen, dass einem Freude bereitet. Und ich bin auch ein Freund der Idee, dass man Mitarbeiter so einsetzt, dass sie ihre Stärken am besten entfalten können. Diese beiden Ideen harmonieren sehr gut miteinander und führen nicht selten dazu, dass sich jemand sehr positiv weiter entwickelt.1 Aber diese Ideen haben nichts mit dem Umfang der wöchentlichen Arbeitszeit zu tun. Es mag irgendwo sicherlich eine zeitliche Untergrenze geben, aber angefangen beim z.B. bei Unilever und anderen Firmen praktizierten Halbe/Halbe-Modell bis zu meiner Stelle (als Beispiel): Es gibt viele Möglichkeiten, in denen Führung in Teilzeit funktioniert.

Wolfgang hat Robert Franken zitiert und etwas umformuliert:

Wie stelle ich als Arbeitgeber sicher, dass ihr euren Job auch während eurer Zeit mit Kindern so ausüben könnt, dass eure Bedürfnisse nicht hinter meinen zurückstecken müssen?

Zu schlussfolgern, dass es bei diesen Teilzeitführungs-Modellen nur darum geht, einen Mitarbeiter zu halten, ist zu einfach. Denn Familie gehört zum Leben vieler Menschen dazu und daher sollten die regulären Möglichkeiten in der Arbeitswelt – inklusive “Karriere machen” – dies reflektieren, nicht nur die Ausnahme darstellen. Für Frauen und Männer. Und mit dem Bewusstsein, dass Kinder nicht nach 1-3 Jahren auf mysteriöse Weise verschwinden, sondern wechselnde Anforderungen für die Eltern bedeuten.2

Es geht darum anzuerkennen, dass die sagenumwobene Work-Life-Balance lediglich bedeutet, dass man mehrere Interessen im Leben hat und diese irgendwie auslebt. Und dass ein Karriereschritt nicht bedeutet, dass die anderen Interessen verschwinden.3

  1. Wobei nicht jeder Top-Berater/Grafiker/Programmierer/Paketzusteller automatisch eine Top-Führungskraft ist (anderes Aufgabengebiet), geschweige denn dazu Lust hat. []
  2. Familie ist in diesem Beispiel der Anlass, aber es könnte auch jeden anderen Grund geben. Vielleicht möchte jemand einfach nicht 40 oder mehr Stunden die Woche arbeiten und stattdessen mehr Freizeit, um zu lesen oder zu kiten oder Holz zu hacken. []
  3. Oft ist eine Führungsposition mit mehr Stress verbunden und die Freizeit wichtig für geistige und körperliche Ausgeglichenheit. []