Work-Life-Balance: Lebe

Gestern wurde Junior Vier, ein Ereignis, dem er mächtig entgegen fieberte, und das er interessanterweise mit Fähigkeiten verknüpfte (“das kann ich erst wenn ich vier bin”, “wenn ich vier bin…”). Es gab eine Piratenparty und ich war dabei. Schon vor Wochen hatte ich mir das in den Kalender eingetragen, auch weil ich gedacht habe, arbeitsreiche Montagnachmittag gibt es viele, Piratenparties weil Junior vier wird nur eine.

Und es war klasse. Piratentorte, Piratenschatz, Geschenke, Kinder, die mich volle Pulle anschrien (Micky Mäuse beleben jede Partie), Kekse, Versteckspielen in der Wohnung (Kinder die sich 7x hintereinander am selben Ort verstecken) und trotz Zuckerschock ein entspanntes Schlafengehen (inkl. heute früh aufstehen, um weiter mit dem Feuerwehrdrehleiterwagen zu spielen).

Ich habe einfach gestern nach dem Insbettbringen die Präsentation weiter studiert, Emails gelesen und beantwortet und mir so meine Gedanken gemacht. Aber dieses Mindset scheint immer noch ungewöhnlich. Die Videos von Mirko Kaminski scheinen dies zu bestätigen, irgendwie denken viele Kollegen noch in Hamsterrad-Metaphern. Was besonders in unserer “kreativen” Branche eigentlich tückisch ist, oder?

Selbst der Betreuer im Kindergarten fragt mich, “und sie haben sich jetzt frei genommen oder was, das finde ich ja toll”. Ja klar. Warum nicht und wie soll ich denn vernünftig arbeiten, wenn ich weiß, dass zuhause tolle Luftschlösser gebaut werden, und – so ganz nebenbei – meine Frau das alles alleine wuppt. Nicht nur Spaßverzicht, sondern auch noch Schuldgefühle. Auch ein Weg, um im von Kaminski erwähnten Burn-Out zu landen.

Es geht um verantwortungsvollen Umgang mit seiner Arbeitskraft. Ich verlasse so oft ich kann kurz nach 18 Uhr das Büro. Und setz mich wenn die Kinder schlafen noch mal ran. Warum? Warum denn nicht? Was passiert denn genau in der Zeit? Meist Meetings, die länger laufen. Die kann man entweder ganz sein lassen oder einfach mal früher starten lassen. Oder man wartet. Auf Infos vom Kunden, Bilder, Texte, ppts, einen Anruf, die Inspiration. Warten kann man auch gut auf dem Fahrrad. Warten kann man auch, ohne das als aktive Arbeitszeit zu verbuchen in der man sich mit YouTube-Videos und Facebook-Posts die Zeit vertreibt. Wie effektiv ist es, bis nachts um 10 am Schreibtisch auf Visuals zu warten, die eh per Email kommen?

Vor längerer Zeit habe ich mal das ROWE-Buch gelesen, darin geht es wohlgemerkt um Results-ONLY-Work-Environment, nicht Results-Oriented. Aber Results-Oriented finde ich schon einen wichtigen Schritt.  Jeder ist tatsächlich  seines Glückes Schmied. Verantwortung und Offenheit gehören dazu, die nehme ich für mich in Anspruch, und im Gegensatz zu Junior nicht erst, wenn ich groß bin.

  • Danke – ich sehen das ganz ähnlich und werds auch mal verbloggen!

  • Find ich gut, mach ich auch so. Mit einem Unterschied: Ich setz’ mich abends nicht noch mal ran. Weil der Regelarbeitstag – nicht die Pitchfieber-Ausnahmetage bis Mitternacht, die es auch gibt – nun mal acht Stunden hat. Ich verstehe nicht, warum es noch immer, trotz Work-Life-Balance, common sense ist, dass Überstunden etwas ganz natürliches seien…

  • Ina Steinbach

    Wahre Worte und richtig so.

  • Tilo Timmermann

    Genau – danke für beide Statements! Das Schwierigste ist meiner Ansicht nach, diese Erkenntnisse auch umzusetzen. Selbst wenn der Chef so tut, als wäre er großzügig (soll vorkommen), gibt es doch diese routinemäßige Mehrarbeit, die Standard in der Agentur ist und von der Dich niemand abhält – außer Du selbst. Entweder Du gehst (weitgehend) pünktlich und es merkt gar keiner – oder Du bekommst Gegenwind und musst dann halt auch irgendwann die Konsequenzen ziehen und was ändern. Aber das ist immer noch gesünder als Dein ganzes Arbeitsleben lang immer nur abends im Büro rumzusitzen.

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